Antike unterirdische Steinbrüche von Agiades – Mytilinioi, Samos
⛏️ In den unterirdischen Steinwerkstätten des antiken Samos
In der Gegend Agiades bei Mytilinioi auf Samos befindet sich eine der weniger bekannten, aber äußerst interessanten archäologischen Landschaften der Insel: die antiken unterirdischen Steinbrüche von Agiades.
Es handelt sich nicht um einen einzigen Steinbruch, sondern um ein weitläufiges System unterirdischer Stollen, die durch den systematischen Abbau von Kalkstein entstanden sind. Archäologische und geologische Untersuchungen haben etwa 45 unterirdische Stollen dokumentiert, die sich an den Hängen der Gegend auf zwei verschiedenen Höhenstufen entwickeln.
Hier wurden große Mengen an Baustein gewonnen, die bei einigen der bedeutendsten Bauprojekte des antiken Samos verwendet wurden. Die Steinbrüche zeigen daher eine andere Seite der Inselgeschichte: nicht das fertige Monument, das Besucher bewundern, sondern den Ort, an dem der Bau dieser Monumente überhaupt begann.
📍 Lage & geologisches Umfeld
Die Steinbrüche liegen im Gebiet Agiades / Koutsodonti bei Mytilinioi, oberhalb der Ebene von Chora und innerhalb der weiteren Landschaft im Südosten von Samos.
Die unterirdischen Stollen wurden in einer Höhe von ungefähr 150 Metern angelegt und befinden sich in zwei Reihen mit einem Höhenunterschied von etwa 10 Metern. Ihre Eingänge sind überwiegend nach Süden oder Südosten ausgerichtet.
Bei dem von den antiken Steinbrucharbeitern abgebauten Gestein handelt es sich um einen harten gelblichen bis braunen Kalkstein der sogenannten Pythagoreio-Formation.
Die antiken Handwerker scheinen die örtliche Geologie sehr gut gekannt zu haben und wählten gezielt die geeignetsten Gesteinsschichten für die Gewinnung von Bausteinen aus.
🏛️ Der große dreiteilige unterirdische Steinbruch
Der eindrucksvollste der bekannten Steinbrüche von Agiades ist eine große unterirdische Abbaustätte, die etwa 50 Meter tief in den Fels hineinreicht, eine durchschnittliche Höhe von ungefähr 5 Metern und eine Gesamtbreite von rund 20 Metern besitzt.
Der Innenraum wurde in drei parallele Gänge gegliedert.
Während des Abbaus blieben zunächst Teile des natürlichen Felses zwischen den Gängen als Stützwände stehen. Mit der zunehmenden Entfernung von Material wurden diese Wände schrittweise auf massive Pfeiler reduziert, die das Dach stützten.
Einige dieser Felspfeiler messen ungefähr 3 × 8 Meter.
Dadurch entstand eine außergewöhnliche unterirdische Umgebung mit großen künstlichen Hallen, parallelen Gängen und mächtigen Steinstützen, die das Ausmaß des antiken Steinabbaus deutlich machen.
🪨 Wie der Stein gewonnen wurde
An den Wänden und Böden der Steinbrüche sind noch heute Spuren des Abbauprozesses sichtbar.
An verschiedenen Stellen lassen sich eingemeißelte Rinnen und Einschnitte erkennen, die um Steinblöcke herum angelegt wurden, bevor diese aus dem Fels gelöst wurden. Außerdem wurden typische Werkzeugspuren verschiedener Pickel und anderer Metallwerkzeuge an den Wänden festgestellt.
Diese Spuren sind für Archäologen und Geologen besonders wichtig, da sie Aufschluss über antike Abbaumethoden geben und helfen, unterschiedliche Nutzungsphasen der Steinbrüche voneinander zu unterscheiden.
Die Steinbrüche bewahren damit gewissermaßen ein großflächiges Zeugnis der Arbeit jener Menschen, die den Stein aus dem Berg lösten, bevor er transportiert und bei den großen Bauprojekten von Samos eingesetzt wurde.
🏺 Die archaische Phase – 6. Jahrhundert v. Chr.
Der große dreiteilige unterirdische Steinbruch gilt als wahrscheinlichster Kandidat für eine Nutzung bereits im 6. Jahrhundert v. Chr.
Diese Datierung wird unter anderem durch Keramikfunde aus archaischer Zeit gestützt, die im Bereich der Steinbrüche entdeckt wurden.
Diese Epoche fällt mit der großen architektonischen und wirtschaftlichen Blüte des antiken Samos zusammen, als umfangreiche Bauprojekte am Heraion, in der antiken Stadt und im Wasserversorgungssystem durchgeführt wurden.
Der enorme Bedarf an bearbeitetem Stein machte organisierte Steinbrüche wie jene von Agiades zu einem wesentlichen Bestandteil der technischen Infrastruktur hinter den großen Monumenten des antiken Samos.
🏛️ Verbindung mit dem Heraion von Samos
Eines der wichtigsten Ergebnisse der Forschung betrifft die Beziehung zwischen den Steinbrüchen von Agiades und dem Heraion von Samos.
Untersuchungen im Zusammenhang mit dem Deutschen Archäologischen Institut haben auf Grundlage der Zusammensetzung des Kalksteins und des Ausmaßes der Abbauarbeiten einen Zusammenhang zwischen dem Kalkstein von Agiades und dem Bau des großen Tempels des Rhoikos im Heraion hergestellt.
Die Forschung schätzt, dass für die betreffende Bautätigkeit im Heiligtum ungefähr 6.000 Kubikmeter Kalkstein benötigt wurden.
Diese Verbindung macht die Steinbrüche besonders bedeutend: Die heute sichtbaren unterirdischen Stollen waren Teil der Produktionskette, die das Baumaterial für eines der ehrgeizigsten Architekturprojekte des archaischen Griechenlands lieferte.
🛤️ Die Heilige Straße und die römische Zeit
Die Nutzung der Steinbrüche von Agiades scheint nicht auf die archaische Epoche beschränkt gewesen zu sein.
Kalkstein aus der Gegend wurde auch in den großen Steinplatten festgestellt, mit denen die Heilige Straße zum Heraion in römischer Zeit gepflastert wurde.
Diese Erneuerung datiert in das späte 2. und frühe 3. Jahrhundert n. Chr. und deutet darauf hin, dass der Steinabbau in der Region entweder über einen sehr langen Zeitraum fortbestand oder in späteren Epochen erneut aufgenommen wurde.
Forscher schätzen, dass für die Pflasterung der Heiligen Straße ungefähr 10.000 Kubikmeter Kalkstein erforderlich waren.
Zusammen mit den Mengen, die mit dem Heraion in Verbindung gebracht werden, ergeben sich damit rund 16.000 Kubikmeter abgebautes Gestein – ein Hinweis auf das enorme Ausmaß der Steinbruchaktivitäten in diesem Gebiet.
⚒️ Verschiedene Epochen, verschiedene Techniken
Die Stollen von Agiades sind nicht alle gleich aufgebaut.
Die Forschung hat Unterschiede in ihrer Anordnung, in den Werkzeugspuren und in den Abbautechniken festgestellt. Der große dreiteilige unterirdische Steinbruch wird wahrscheinlich mit der archaischen Nutzung in Verbindung gebracht, während einige der kleineren, einräumigen Stollen der unteren Reihe Merkmale aufweisen, die mit einer späteren, möglicherweise römischen Nutzung zusammenhängen könnten.
Der Ort kann daher als eine Art unterirdisches Archiv der Entwicklung von Abbautechniken betrachtet werden.
Besonders bemerkenswert ist, dass einige kleinere Stollen noch bis ins 20. Jahrhundert zur Gewinnung kleiner und leichter Kalksteinplatten genutzt wurden.
🔎 Spuren der Menschen, die hier arbeiteten
Im Gegensatz zu einem Tempel oder einer Statue erzählen die Steinbrüche vor allem die Geschichte jener Menschen, die bei den großen antiken Bauwerken meist im Hintergrund bleiben: der Steinbrucharbeiter und Handwerker.
Werkzeugspuren an den Wänden, Einschnitte um herausgelöste Blöcke und die Gestaltung der unterirdischen Räume selbst sind direkte Zeugnisse ihrer täglichen Arbeit.
Die Forschung am Ort untersucht außerdem Inschriften und Markierungen im Zusammenhang mit dem Tunnel des Eupalinos und anderen Monumenten von Samos, um nicht nur die Abbautechniken, sondern auch das soziale Umfeld jener Menschen besser zu verstehen, die an den großen Bauprogrammen der Insel beteiligt waren.
🔱 Bestand eine Verbindung zum Hera-Heiligtum?
Eine besonders interessante, bislang jedoch nicht bewiesene Möglichkeit betrifft die Frage, ob die Steinbrüche möglicherweise vom Hera-Heiligtum kontrolliert oder beaufsichtigt wurden.
Forscher haben das wiederholte Auftreten der Buchstaben ΗΡ auf Steinplatten festgestellt, die mit dem Eupalinos-Projekt in Zusammenhang stehen, und erwogen, ob diese Markierung möglicherweise auf Hera oder ihr Heiligtum verweisen könnte.
Zusammen mit der belegten Verwendung von Kalkstein aus Agiades beim Tempel des Rhoikos führte dies zu der Hypothese, dass das Heraion möglicherweise einen gewissen Einfluss auf die Nutzung der Steinbrüche ausgeübt haben könnte.
Dabei handelt es sich jedoch ausdrücklich um eine wissenschaftliche Hypothese und nicht um eine gesicherte historische Tatsache.
🥾 Zugang & Besuch
Die Steinbrüche liegen in einer ländlichen und leicht bergigen Umgebung und sind kein klassisch organisierter archäologischer Besucherort wie der Tunnel des Eupalinos.
Wanderwege in der Gegend verbinden die antiken Steinbrüche mit Überresten des antiken und römischen Wasserversorgungssystems sowie mit dem nördlichen Bereich des Eupalinos-Tunnels.
Für einen Besuch sind geeignetes Schuhwerk und Vorsicht erforderlich. Die unterirdischen Stollen sind antike Abbaustätten und keine erschlossene Schauhöhle; ein tieferes Betreten sollte daher nicht wie ein gewöhnlicher touristischer Höhlenbesuch behandelt werden.
👀 Was Besucher sehen können
Das eindrucksvollste Merkmal der Steinbrüche ist das Gefühl für ihre enorme Dimension, das die unterirdischen Räume vermitteln.
Große Eingänge, künstlich geschaffene Hallen, massive Felspfeiler zur Stützung des Daches und deutlich sichtbare Werkzeugspuren lassen erkennen, wie ganze Gesteinsmassen systematisch aus dem Inneren des Hügels entfernt wurden.
Es handelt sich nicht um ein Monument, das geschaffen wurde, um zu beeindrucken. Es ist ein Arbeitsplatz der Antike, der sich Jahrhunderte später in eine beeindruckende künstliche Untergrundlandschaft verwandelt hat.
Und genau deshalb verdient dieser Ort einen besonderen Platz auf der archäologischen Karte von Samos: Hinter dem Hera-Tempel, den gepflasterten Straßen und den großen technischen Bauwerken stand zunächst der Stein – und hinter dem Stein standen die Menschen, die ihn abbauten.
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